Wie ich wurde, was ich bin… oder auf der Suche nach meiner Selbstständigkeit

Imken Mai 2022

Als ich aufgewachsen bin, gab es in meiner Welt keine Selbstständigen. Mein Vater ist Briefzusteller gewesen und meine Mutter arbeitete in diversen Berufen. Als ich ganz klein war als Reinigungskraft, später dann Kassieren. Ich bin somit die, die statistisch gesehen eigentlich nicht den tollsten Bildungsweg hätte einschlagen können. Habe ich aber. Ich wollte immer mehr erreichen als meine Eltern und vor allem mehr Geld verdienen. Eine Selbstständigkeit kam für mich früher aber trotzdem absolut nicht in frage. Ich weiß nicht, ob es einfach zu abstrakt für mich war. Zumindest kannte ich mich damit nicht wirklich aus.

Heute kenne ich eigentlich immer noch kaum Menschen, die ihr eigenes Business haben. Eigentlich sind alle immer angestellt. Ich habe für mich aber festgestellt, dass ich das irgendwie nicht mehr sein möchte. Nicht mehr brauche. Ich möchte wirklich flexible Arbeitszeiten haben und das machen, was ich möchte.

Dass ich immer noch nicht so wirklich weiß, was ich machen möchte, ist natürlich noch ein kleines Problem. Allerdings habe ich jetzt die Gelegenheit, mir MEIN Business aufzubauen. Wenn ich mit Häkeln und Programmieren mein Geld verdienen möchte, könnte ich das tun. Welche Stellenbeschreibung würde schon so ein Profil bieten?

Bis ich aber zu dieser Einstellung kam, war es ein langer Weg und am Ende bin ich immer noch nicht (werde ich vermutlich auch nie sein)

  1. 1995 – Ach, eigentlich sogar noch früher… Eins muss man meinen Eltern (oder besser meiner Mutter) lassen: Was Computer angeht, waren wir echt früh schon dabei. Ob es wirklich 1995 war, weiß ich nicht genau, aber kommt in etwa hin. Vor unserem ersten PC mit Win 95 gab es schon den klassischen C64, Atari und auch einen alten DOS-Rechner mit lediglich einem Programm drauf: Works. Damit schrieb ich, wenn ich so drüber nachdenken, echt viel. Meistens tat ich so, als wäre ich Journalistin und müsste einen Artikel über X oder Y schreiben.
  2. 1997 bis Abi 2003 – die Jahrtausendwende und das Internet hält Einzug. Eins weiß ich wirklich 100%ig: 1997 bekamen wir Internet. AOL war es. „Willkommen – Sie haben Post“ tönte es für einige Minuten in der Woche aus den Lautsprechern. Ich war begeistert von dieser Welt und begann damals schon mit HTML und co. Was ein Computer war und wie er funktioniert, war für mich schon früh klar. In der Schule wählte ich Informatik. Wir programmierten etwas in Turbo Pascal.
  3. Oktober 2003 – Abi, Sommer und zack Studium. So sah es bei mir aus. Ich startete mit meinem Studium zur Medieninformatikerin an der Fachhochschule Wedel Das Studium dauerte ein wenig länger. Es lag zum einem daran, dass es wirklich anspruchsvoll war, aber auch vor allem daran, dass ich in 2006 nebenbei in der IT einer kleinen Firma anfing. Was war meine Aufgabe? Das einzuführende ERP-System anpassen und Mitarbeiter schulen/unterstützen.
  4. September 2009 – Endlich mal fertig mit dem Studium: Wie soll es auch anders sein? Wenn man lieber Geld verdient als Vorlesungen besucht, zieht sich so ein Informatik-Studium ziemlich hin. Meine Diplomarbeit „rotzte“ ich so hin. Hauptsache fertig werden, damit ich mal Vollzeit arbeiten kann. (Im übrigen musste ich schnell lernen, dass dir das niemand dankt)
  5. Oktober 2009 – Erster Dämpfer: Wirtschaftskrise-Zeit. Es gab keine volle Stelle für mich. Große Enttäuschung, aber auch im Nachhinein dankbar, weil ich direkt zu Beginn meines Berufslebens verstanden habe, dass es am Ende bei einem Unternehmen IMMER darum geht, zu überleben. Und wenn es sein muss, müssen sich die Wege hier trennen. Egal wie toll und lieb die Kollegen sind.
  6. 01. Februar 2010: Zwischen Unterforderung und Euphorie – Wechsel zum Software-Haus. Ich hatte also gekündigt und begann in der Hotline. Da wollte ich jetzt eigentlich nicht hin, fand es für den Anfang aber gar nicht so verkehrt, denn so konnte ich viele unterschiedliche Firmen, Systeme, Probleme und Menschen kennenlernen. Manchmal musste man sich tief in den Code von anderen hereinfuchsen. Es war analysieren und ausprobieren pur. Sehr cool! Irgendwann 2011 dann endlich Projektarbeit. Ich durfte raus. IT-Projekte (mit-)machen. Mein Ziel zu dem Zeitpunkt: Projektleiterin werden.
Imken 2013 im Büro
Ich im Büro in Reinbek bei Hamburg (2013)
  1. Sommer 2012 – andere Firmen haben auch tolle Mitarbeiter. Leider hatte ich oder hatten wir dort einen Chef, der -puh, keine Ahnung- vermutlich zu dem Zeitpunkt in einer Sinnkrise steckte. Er war ein super Vertriebsmensch, absolut(!), aber leider nicht die geborene Führungskraft.

    „Mensch Imken, du wirst nie eine Projektleiterin sein“

    Puh, das hat gesessen. Ich verließ das Unternehmen. (Wie sehr viele andere meiner damaligen Kollegen zu dem Zeitpunkt auch)
  2. 01. Mai 2013 – ein Nordlicht im Rheinland: So zog ich also von Hamburg nach Köln. Ich begann in einem super tollen Team und bekam sofort mein erstes Projekt. Mein „Still sein“ wurde hier nicht negativ ausgelegt, sondern mein Chef beschrieb es so: „Du denkst erst mal nach, bevor du etwas sagst. Und wenn du was sagst sind alle so ‚Imken hat gesprochen!‘“ Als sogenannte Generalistin wurde ich überall eingesetzt: Entwicklung, Beratung, Service und auch Projekte. Schnell übernahm ich erste Kunden. Es war eine tolle Zeit damals. Aufregend und alles neu. Mit Ende 20 begann ich das Leben zu genießen. 2014 startete auch mein erstes großes Projekt mit mir als Projektleiterin.
Imken steht vor einem Straßenschild in Köln (2013)
Angekommen in Köln (2013)
  1. Januar 2016 – wie überraschend, ein positiver Test und ich Mitten im KickOff zum nächsten Projekt. „Naja, ich bin ja nur schwanger und nicht krank. Das lässt sich doch alles gut vereinen“. Die Vereinbarkeitslüge hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht auf dem Schirm.
  1. 30. September 2016 – „Oh mein Gott! Sie ist so weich und schön!“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Geburt eines kleinen Menschen haut einfach mal alles um und es stellen sich urplötzlich sich so viele neue Fragen: 

    Wer will ich sein?
    Was für eine Mutter möchte ich sein?
    Wie soll mein Kind aufwachsen?

    Ich entschied mich für zwei Jahr Elternzeit.
Neugeborenes
Unsere Tochter, wenige Stunden alt (2016)
  1. 01.03.2018 – Langeweile und Frust: Die Monate vergingen und ich fand mich in einem Dilemma wieder: Ich wollte zu Hause sein, aber vermisste das Arbeiten. Ich vermisste Erwachsene. Nach nicht mal 1,5 Jahren kehrte ich somit für 15 Stunden zurück, zurück zum Programmieren. Aber hey, als Programmiererin konnte ich Job und Familie super miteinander vereinbaren. Wann immer ich Zeit hatte, könnte ich meinen Laptop aufklappen und etwas tun. Aber es war klar, auf Dauer ist das nichts für mich. Lustigerweise kam mir damals eine Selbstständigkeit nicht mal ansatzweise in den Sinn.
Zwischen Arbeit und Kinderbetreuung (2018)
  1. Ebenfalls März 2018 – Es kam, wie es natürlich kommen musste: Die Kita-Platz-Suche war die Hölle. In Köln gab es kaum Plätze. Ich weiß gar nicht, bei wie vielen Kitas wir waren. Wir gingen trotzdem leer aus. Auch im Nachrückverfahren. Ich bereitete also meinen Chef darauf vor, dass ich eventuell die Elternzeit verlängern müsse.
  2. April 2018 – Es geschah etwas für mich Unvorstellbares: Eine Position in der Bereichsleitung wurde frei. Ich war völlig aus dem Häuschen. Ich wollte diese Stelle haben. Sie war perfekt. Die Bereichsleitung Anwendungsentwicklung war mein Traum. Die Stelle vereinte alles, was mir in meinem bisherigen Berufsleben Spaß bereitet hatte. Wir prüften zuhause unsere Möglichkeiten. Hatten ja nunmal immer noch keinen KiTa-Platz für unsere Tochter.
    • Ab wann war der Einstieg möglich?
    • Wie viele Stunden pro Woche?
    • Wann vor Ort und sind Homeoffice-Tage möglich (damals noch ganz wichtiger Punkt)?
    • Wann kann mein Mann kürzer treten?
    • Welche privaten Kitas (die, wo man gerne mehr als 1000€ im Monat zahlen muss) kommen notfalls in frage?
  3. Mai 2018 – Long Story Short: Ich bekam die Stelle nicht. Rückblickend bin ich davon überzeugt, dass ich von Anfang an gar keine wirkliche Chance hatte. Immerhin: allen Beteiligten (inklusive mir) war jetzt klar: Imken möchte mehr. Die Angst, ich könnte das Unternehmen verlassen, war natürlich groß und so einigten wir uns darauf, dass wir eine entsprechende Position in den nächsten Monaten entwickeln würden. Ich blieb also, ärgerte mich aber schon darüber, dass jemand die Leitung übernahm, von dem ich vorher nur Negatives gehört habe. Ja, er hat den Job später gut gemacht, aber ich entwickelte zu dem Zeitpunkt das erste mal sowas wie eine richtig feste Meinung zu mir: ja, er hat es gut gemacht, aber ich hätte es genauso hinbekommen. Nein, sogar besser!
  4. September 2018 – Zurück an den Schreibtisch: die Elternzeit endete also ohne neue Stelle. Dafür mit Teilzeit, weil wir es jetzt nicht einsahen, für diese Position einen privaten Kita-Platz zu zahlen. Gespräche begannen „Wo will ich mal hin?“ Aber ja, 2019 schliefen sie schon wieder ein. Ich wurde unzufrieden. Alle Stellen waren besetzt. Flachen Hierarchien sind Fluch und Segen zugleich.
  5. September 2019 – Sinnkrise? Midlifecrisis? Ich hatte keine Lust mehr. Ich machte immer noch das, womit ich im Jahr zuvor begonnen hatte. Es war kein Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Nach vier Wochen Auszeit, kündigte ich mit nur einem groben Plan. „Vielleicht was mit Kindern? Ich mag Kinder. Oder unterrichten?“
  6. Anfang 2020 – Ich studiere wieder. Ziel langsam zum Ende des Jahres in eine Selbstständigkeit kommen. Ich orientiere mich in Richtung New Work an der IU, die damals noch IUBH hieß. Pädagogik stand lange im Raum, aber so richtig fühlte ich das nicht.
Dank Corona-Lockdown wurde gemeinsam am Schreibtisch gesessen (2020)
  1. Januar 2021 – Wieder „oh mein Gott, sie ist so weich und schön!“ Unsere zweite Tochter wird geboren. Anfang und Ende zugleich. Es war von Anfang an klar, dass es danach keine weiteren Kinder geben werde. Somit wusste ich, bald kommt wieder meine Zeit. In den noch mindestens 20 Jahren Berufsleben kann ich mir was aufbauen. Und ich will meinen Töchtern zeigen, das man alles machen kann. Auch selbstständig sein.
Neugeborenes wenige Stunden alt
Die Kleine gerade mal einen Tag alt (2021)
  1. Januar 2021 – Warum passiert eigentlich immer so vieles gleichzeitig? Mein ehemaliger Kunde meldete sich wenige Tage vor der Geburt bei mir. Ob wir nicht mal reden können. „Seit Sie weg sind, läuft irgendwie gar nichts mehr“. Wir machen einen Termin zwei Monate später aus.
  2. Mai 2021 – Selbstständigkeit? Teilzeit? Mini-Job? Mein ehemaliger Kunde und ich haben telefoniert. Ich werde sie unterstützen. Aufgrund des Elterngeldes entscheiden wir erst uns zunächst für die einfachste Variante: ich beginne mit unglaublichen süßen 10 Stunden pro Monat für meinen alten Kunden zu arbeiten. Wenn die Kleine größer ist, könnte man ja freiberuflich aufstocken.
  3. Sommer 2021 – puh, wollte ich nicht aber eigentlich mal mit Kindern arbeiten? Ja und so beginne ich eine Ausbildung zur Trageberaterin. Ausbildungen zur BabySteps®-Kursleiterin, sowie Geschwisterkurse bei EinfachEltern® folgen. Das hat natürlich so gar nichts mehr mit Programmieren zu tun. Werde ich es bereuen?
  4. Frühjahr 2022 bzw. Heute – Es geht los… oder doch nicht? Tja, eigentlich müsste ich Babykurse geben, aber leider bekam ich keinen Kurs voll. Die Frustration stieg und aufgrund des gebuchten Jahresurlaubes gab es nun auch eine Zwangspause, da kein Kursblock mehr zeitlich möglich war. Ich stecke meine Zeit also wieder in die Welt der IT. Und leider muss ich sagen, es gefällt mir. In mir wächst der Wunsch, beides unter einen Hut zu bekommen. Und hier bin ich somit nun: Selbstständig, aber ohne klare Positionierung. An der werde ich dann jetzt wohl arbeiten…

(Diesen Artikel schrieb ich im Rahmen der #BoomBoomBlog2022-Challenge von Judith Peters)

Weitere Beiträge, die im Rahmen der BoomBoomBlog2022-Challenge entstanden sind:

Von Désirée Wölper: Mein Weg zur Website-Trainerin

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7 Antworten

  1. Liebe Imken, ich habe deinen Text total gerne gelesen. Ich finde deine zwei Seiten sehr interessant und hoffe, dass du irgendwann deinen Platz zwischen oder inmitten von Computern und Kindern findest, der dich total erfüllt.
    Viele Grüße
    Ilka

  2. Bewundernswert wie vielseitig du bist. Wie du dir, nachdem du dich einmal von der (Zwangs)anstellung befreit hast, den Raum gibst, dich auszuprobieren. Die Kombination ist sicher ungewöhnlich, aber genau das macht es sicher so interessant. Vielleicht muss ja nicht beides in gleichem Maße zur gleichen Zeit ausgelebt werden, sondern es kommen Phasen, in denen mal die eine Orientierung und mal die andere überwiegt. Wie auch immer es kommt, da wirst deinen Kindern ein leuchtendes Beispiel dafür sein, was alles möglich ist. Viel Freude und viel Erfolg!

  3. Also Deine Einleitung hat mich sofort gepackt, weil ich mich vor allem in dem „Eigentlich sind alle immer angestellt. Ich habe für mich aber festgestellt, dass ich das irgendwie nicht mehr sein möchte. Nicht mehr brauche. Ich möchte wirklich flexible Arbeitszeiten haben und das machen, was ich möchte. Dass ich immer noch nicht so wirklich weiß, was ich machen möchte, ist natürlich noch ein kleines Problem.“ zu 100% selber wiederfinde! Und ich suche auch immer noch nach einer Lösung, das umzusetzen…
    Ich drücke Dir fest die Daumen, dass bei Dir alles so klappt, wie Du es Dir vorstellst. Immerhin hast Du ja ausreichend Kompetenzen in der Welt der IT und noch zusätzliche andere Interessen, die Du verwirklichen möchtest, da wird sich dann bestimmt auch ein Weg finden!

  4. Wow wie spannend. Rauf runter, hin her. Kenne ich. 🤗
    Bei mir hat es gefühlt ewig gedauert, bis meine Positionierung stand.
    Frag deinen Bauch. Da spricht die Seele und die hat den Plan. 😉
    LG Gaby

  5. Wunderbar liebe Imken! Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deiner Selbstständigkeit. Das Leben ist ein Fluss – immer in Bewegung. Du hast geniale Voraussetzungen und ich kann mir gut vorstellen, dass Du Deine beiden Seiten auch noch richtig gut zu einem tollen Angebot verknüpft bekommst. IT’lerin mit Kindern? Warte mal ab, wenn die beiden etwas grösser werden. Da wirst Du mit Sicherheit einige Lücken im System sehen, die Du füllen kannst. Viel Erfolg und danke für die tolle Story!

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